Sylvia Necker

(urban) researcher ::: curator ::: historian ::: sound artist ::: 

nottingham (GB) ::: frankfurt/main (DE) ::: hamburg (DE) :::

zeit- und architekturhistorikerin ::: klangwerkerin ::: ausstellungsmacherin :::

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Sehen, was nicht drauf ist, 15.3.2019

Konkurrenz der Erzählungen oder: sehen, was gar nicht drauf ist. Fotoalben als Gegenstand geschichtswissenschaftlicher Forschung. Vortrag und Workshop im Rahmen der Spring School „Historische Momentaufnahmen / Frozen Moments in History“ des Arbeitsbereichs Fachjournalistik Geschichte an der Justus-Liebig-Universität Gießen, 15.3.2019

Fotoalben können als Quelle nur die Geschichten erzählen, die Forscher*innen lesbar machen. Der Prozess des Lesbarmachens ist jedoch von sehr vielen Vorbedingungen bestimmt. Haben wir Kontext zu den Fotografien und Alben? Kann die Provenienz oder gar der Entstehungszusammenhang der Alben bestimmt werden und können die visuellen Quellen präzise in Raum und Zeit einordnen? Letztlich erzählt ein Fotoalbum als Quelle nur sehr wenig an sich und hinterlässt zunächst einmal eine visuelle Spur, der Forsche*rinnen auf sehr unterschiedliche Art folgen können. Eine Herausforderung für Historiker*innen ist – trotz des „visual turn“ – immer noch die Bildebene, denn selten ist das zu sehen, was zu sehen ist. Im diesem doppelten Sinn ist auch der Titel des Workshops gemeint: die Erzählungen der Alben und ihrer of nur unbekannten Produzent*innen konkurrieren mit den Erzählungen, die wir Forscher*innen mit unseren Fragen an das visuelle Material erzeugen. Dieser beschriebenen Herausforderung widmen wir uns in dem Workshop am Beispiel verschiedener Alben aus dem aktuellen Forschungsprojekt von Sylvia Necker – an der Universität Nottingham beforscht sie deutsch-jüdische Privat- und Alltagsfotografie von 1890 bis 1960 – und wagen uns an die Analyse, um die Möglichkeiten von Fotoalben für die geschichtswissenschaftliche Forschung auszuloten.

Zur Spring School für fortgeschrittene Geschichtsstudierende: Historische Momentaufnahmen / Frozen Moments in History vom 11.03.-15.03.2019 (Link)

Fotografien halten historische Momente fest. Sie zeigen Ausschnitte eines Geschehens, das Fotograf*innen beobachtet und zum Dokumentieren ausgewählt oder vor der Kamera arrangiert haben. Deren Motivationen können dabei höchst unterschiedlich sein: Sie wollen die Welt etwa auf Empörendes aufmerksam machen, andere an Bemerkenswertem Anteil nehmen lassen, etwas für die Nachwelt aufzeichnen, beim Zuschauer Mitleid wecken, zu politischem Handeln auffordern, stolz etwas vorzeigen, sich später besser an einen Menschen, einen Ort oder ein Ereignis erinnern können, einem Hobby frönen oder zum Kauf eines Produkts animieren.

Menschen fotografieren professionell und als Amateure, im Auftrag und häufig Konventionen folgend, leidenschaftlich oder beiläufig, reflektiert oder aus einer Eingebung oder spontanen Laune heraus. Im Unterschied zur Malerei spielt in der Fotografie das Werkzeug, hier also die technische Apparatur, eine größere, gleichsam eigenständigere Rolle. Fotoapparate lassen sich auch ohne besondere Fertigkeit bedienen. Und sie können unter Umständen zusätzlich Informationen einfangen, deren sich die Fotografierenden nicht bewusst waren. Um diesen Eigenarten gerecht zu werden und die Potenziale der Quellengattung auszuschöpfen, benötigen Historiker*innen angemessene Fragestellungen. Gleichzeitig müssen sie lernen, Fotos zu lesen, und ihre Recherchen ausdehnen auf deren Entstehung, Verbreitung und Rezeption.

In der Springschool führen Expertinnen und Experten an verschiedene Arbeitsweisen mit ganz unterschied­lichen Fotos sowie Fotografierpraxen heran und laden zum Mitdenken ein. Der international bekannte, mehrfach ausgezeichnete Fotograf Paul Lowe (London) wird sowohl eigene Fotos aus Kriegs- und Krisengebieten vorstellen als auch historische Aufnahmen vom Kriegsende 1945 kommentieren. Katharina Stornig und Florian Hannig (Gießen) analysieren Fotos, mit denen Hilfsorganisa­tionen im 19. und 20. Jahrhundert auf Not in Afrika aufmerksam machen wollten. Paul Betts (Oxford) diskutiert anhand von Fotos von Titos Staatsbesuchen in Afrika, wie sozialistische Länder während des Kalten Krieges internationale Solidarität inszenierten. Ulrike Koppermann (Berlin) hinterfragt das visuelle Narrativ des von der SS angefertigten sogenannten Auschwitz-Albums. Und Sylvia Necker (Nottingham) zeigt, wie sie in ihrer Forschung mit Fotoalben jüdischer Familien aus der NS-Zeit umgeht. Eine eintägige Exkursion zum Bildarchiv Foto Marburg und zum Bildarchiv des Herder-Instituts für historische Ostmitteleuropaforschung gibt Gelegenheit, im Rahmen von eigens organisierten Führungen relevante Quellenbestände kennenzulernen und forschungsprak­tische Fragen zu erörtern. Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Springschool sind eingeladen, eigene fotohistorische Projekte oder Ideen für eine fotohistorische Abschlussarbeit vorzustellen. Die Unterrichtssprache ist Deutsch und Englisch. Die Springschool wird vom Arbeitsbereich Fachjournalistik Geschichte mit finanzieller Unterstüt­zung des Fachbereichs 4 der Justus-Liebig-Universität Gießen und in Kooperation mit dem Zentrum für Medien und Interaktivität (ZMI) organisiert.